DAS STAUDAMMPROJEKT TREIBT DIE NATUR VON MUNZUR IN EINE KATASTROPHE - UND DESSEN MENSCHEN IN DIE FLUCHT
(Untersuchungsergebnisse des Rechtsanwalts Murat Cano übersetzt ins Deutsche)

Die drohende Umweltgefahr geht von der Entschlossenheit des Staates aus, die Staudämme zum Zwecke der Energiegewinnung, die unter dem Namen „Munzur Projekt“ zusammengefasst werden, errichten zu wollen.

So wird aus dem Antwortschreiben des Ministeriums für Energie und Naturressourcen vom 21. Mai 2001 deutlich, dass der Auftrag, im Rahmen des Munzur-Projektes die Projekte Konaktepe I und Konaktepe II HES auszuführen, deren Bau beim Gouverneur von Munzur geplant wird, gemäß der zwischen der Türkei und den USA unterzeichneten gemeinsamen Regierungsmitteilung - mit Beschluss des Ministerialausschusses - einem Konsortium, bestehend aus türkischen und amerikanischen Firmen, erteilt wurde. Im selbigem Schreiben wurde mitgeteilt, dass die Verhandlungen mit dem Konsortium abgeschlossen seien, und dass ein Vertragsentwurf sowie der Preis mit Genehmigung des Energieministeriums dem Schatzamt übersandt wurden.

Es wird offensichtlich, dass nunmehr einer der Beteiligten des Projektes, das die Natur rund um den Munzur vernichten wird und ihn zu einem unbewohnbaren Ort machen wird, unser ewiger und immerwährender Freund (!) Onkel Sam ist.

Bin ich es nun, der sich irrt, oder sind es etwa die zuständigen Behörden?

Die Antwort auf diese Frage kann anhand der Menge an Elektrizitätsenergie, die mit den im Rahmen des Munzur Projektes zu errichtenden Staudämmen erzeugt werden soll, des Anteiles dieser an der Menge der Elektrizitätsenergie, die in der gesamten Türkei aus Wasserkraft gewonnen wird sowie anhand der Auswirkungen des Projektes auf die Wälder, die Pflanzen, das Wildleben, die Fische der Binnengewässer, das Klima, die Viehzucht, die Imkerei, den Tourismus und die Menschen gegeben werden.
Die bestehende Gesamtleistungsfähigkeit der Wasserkraftwerke im Rahmen des MunzurProjektes beträgt 358,45 MW.
Laut Angaben der Generaldirektion der Staatlichen Wasserbehörde für das Jahr 2000 beträgt die bestehende Leistungsfähigkeit sämtlicher Wasserkraftwerke, die in der Türkei im Betrieb sind, 37.079 MW (hingegen beträgt das Potential an Wasserkraftenergie 123.040 GWh).
Die Energie, die mit dem Munzur-Projekt erzeugt werden soll, beträgt 0,9% der in der Türkei durch Wasserkraft gewonnenen Energie.

Das jährliche Wasserpotential der Provinz Tunceli beträgt 3.114,2 Kubikhektometer. Das Potential zur Erzeugung von Wasserkraftenergie beträgt 1.571 GWh.

Das Erzeugungspotential der Wasserkraftwerke, die sich in der ‚Masterplan’– Phase befinden, deren endgültige Pläne erstellt sind, und die im Bau sind, beträgt 1304,4 GWh/Jahr. Aus diesen Daten wird deutlich, dass es Ziel ist, das gesamte Wasserkraft­energiepotential zu 100% zu nutzen.

Auf der anderen Seite beträgt die Speicherkapazität der Staudämme – mit Ausnahme des Wasserkraftwerkes in Mercan, das eine Länge von 10.115 m aufweist und dessen kanalar-tiger Bau andauert – 1.162,5 Kubikhektometer, das heißt, 37,3% des jährlichen Wasser-potentials der Provinz werden in Staudammreservoirs zurückgehalten.

Ob für die Gewinnung von Bewässerungs-, Trinkwasser oder für die Energiegewinnung … - die Praxis in der Welt und in der Türkei hat gezeigt, dass durch die Zurückhaltung des Wassers seine ‚Beschaffenheit’ gestört wird. So wird es einerseits verschmutzt - und vernichtet Lebewesen, die es zuvor ins Leben gerufen hat -, andererseits trocknet es Quellen aus, von denen es gespeist wird, und es lässt das Grundwasser entweichen. Als Resultat bleibt eine lehmige Erde. Dieses Ergebnis kommt innerhalb von 50 - 70 Jahren zustande.

An dieser Stelle muss ich kurz - im Hinblick auf die gesamte Türkei – über das Thema „Wasser“ und unser „Spiel mit dem Wasser“ einiges erläutern:
Die Türkei besitzt - von Zentralasien bis zum Balkan - das größte Potential, bezogen auf Quellwasser, Grundwasser, fließende Gewässer (wörtl. fließendes Wasser), Küstengewässer und Seen.

Die Türkei hat in Anlehnung an diese Gewässer verständlicherweise wirtschaftliche, soziale und strategische Ziele. Dieselbe Situation konfrontiert jedoch die Türkei mit den größten Vorteilen und Problemen des Jahrhunderts. Denn Wasser gewinnt allmählich in der Türkei genauso wie auf der ganzen Welt, insbesondere im Mittleren Osten einen höheren Stellen-wert als Erdöl.

Durch die technologischen Rückstände bei der Wassernutzung sowie die Fehler der Regie-rungen in der Praxis sowie das Nichtvorhandensein einer international angenommen Was-serregulierung, gewinnt das Wasser eine immense Bedeutung und wird dadurch sogar „gefährdet“.

Das jährliche Niederschlagsvolumen der Türkei beträgt 501 Milliarden m3. Der Anteil, der in die Strömung übergeht, beträgt 186 Milliarden m3. Das Süßwasserpotential, das aus den Grundwässern und den aus anderen Ländern einfließenden Gewässern gewonnen werden kann, beträgt 205 Milliarden m3. Die Oberflächen- und Grundwässer, die laut technischen und ökonomischen Bewertungen für verschiedene Zwecke genutzt werden können, betragen jährlich 110 m3.

Der jährliche Wasserverbrauch der Türkei beläuft sich auf 39 Milliarden m3. Davon kommen 6 Milliarden m3 aus Grundgewässern, und 26,4 Milliarden m3 aus Bereichen, die durch Staudämme gewonnen werden.

29 Milliarden m3 des benötigten Wassers werden bei der Bewässerung genutzt, 5,7 Milliarden m3 sind Trink- und Nutzwasser, und 4 Milliarden werden für industrielle Zwecke eingesetzt. 25,85 Millionen Hektar der 28,05 Millionen Hektar bebaubaren Landes, welches ein Drittel der Fläche der Türkei darstellt, sind bewässerbares Land. Obwohl 8,5 Millionen Hektar davon wirtschaftlich gesehen bewässerbares Land ist, ist die Gesamtfläche, die bewässert werden kann, auf 4,8 Millionen Hektar begrenzt. Nur 2,5 Millionen der 3,5 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Fläche, die nach Plan bewässert werden, kommen aus Staudämmen.

Seit Beginn des Jahres 2000 werden lediglich 38.000 GWh (34,3%) des Stromverbrauches der Türkei, der 110.526 GWh beträgt, aus Wasserkraftwerken gewonnen. Die bestehende Leistungsfähigkeit des HES Projektes, das sich noch im Bau befindet, beträgt 4.190 MW und die Elektrizitätsenergie, die es erzeugen wird, 13.578 GWh.

In der Türkei wurden bisher 1135 Staudämme zu Bewässerungs-, Trink- und Nutzwasser-, Industriewasser- und Energiezwecken in Betrieb genommen. Davon sind 195 große und 940 kleine Staudämme. 135 Staudämme - davon 107 große - sind noch im Bau befindlich. Die Planung von 47 Staudämmen ist abgeschlossen und 47 Staudämme befinden sich noch in der Planung. Außerdem ist die Entwicklung von 485 Wasserkraftwerkprojekten geplant.

Wie aus diesen Zahlen deutlich wird, ist Wasser in der Türkei von außerordentlich wichti-gem und großem Wert. Der Staat sollte diese große Quelle für Bewässerungs-, Trink- und Nutzwasser-, Industriewasser- und Stromerzeugungszwecke verwerten.
Die Priorität des Staates in diesem Bereich liegt lediglich darin, sauberes Trinkwasser zu gewinnen und das Wasserpotential mit diesen Eigenschaften zu erhalten, Wasser für die landwirtschaftliche Bewässerung zu gewährleisten und Elektrizitätsenergie aus Wasser zu gewinnen. Dabei gibt es doch mit dem Wasser zusammen „andere“ Werte, die ebenso ge-nauso wichtig sind. Noch dazu beeinflussen alle Bebauungsunternehmungen auf der Grundlage von Wasser diese ‚anderen’ Werte positiv oder negativ. Mit den ‚anderen’ Wer-ten meine ich vor allem die Menschen, die mit dem ‚Wasser spielen’, der Natur, der Umwelt und dem kulturellen Erbe.

Nach zeitgemäßer Denkweise können Ökonomie und Ökologie nicht voneinander getrennt werden.
Es ist möglich, dass ökonomische Unternehmungen die Natur zerstören und die Umwelt verschmutzen. Man kann sagen, dass dieser Umstand den Menschen und allen anderen Lebewesen das Leben in einem gesunden Umfeld erschwert oder sogar unmöglich ge-macht hat. Es wurde gesehen, dass die Bebauungsunternehmungen, die mit dem Ziel der fortschrittlichen Entwicklung unternommen wurden, zum „Vernichtungs“-Mittel geworden sind. Aus diesen Gründen ist der Schutz der Natur und der Umwelt nicht nur aktuell eines der Hauptprobleme, sondern auch das des Jahrhunderts. Die Menschheit, und die interna-tionale Gemeinschaft (die Erdbevölkerung), die so langsam das Problem zu begreifen beginnen, werden allmählich in diesem Bezug sensibel und treffen diverse Maßnahmen. Denn wenn das Modell „Fortschritt durch Schutz“ auf der ganzen Welt und in unserem Land nicht entwickelt werden kann, wird das ‚Spiel der Menschheit mit dem Wasser’ wirklich damit enden, dass man auf dieser Welt nicht mehr leben kann. Da in unserem Land die Natur, die Umwelt und das kulturelle Erbe praktisch so gut wie gar nicht geachtet werden, hat die Geographie der Türkei - auf der Fläche von Keban bis Kargamis, am Fluss Euphrat im Zivilisationsgebiet sowie in den landwirtschaftlichen Bereichen - Flora und Fauna sowie archäologische Werte in diesem Gebiet verloren. Mit der Betrieb des Ilisu Cizre-Staudammes und dem aktuellen Zustand des HES Projektes wird sie ebenfalls den Fluss Cizre und dessen Zivilisationsgebiet mit 215 historischen Siedlungsgebieten, Hasankeyf inklusive, verlieren. Ebenso wird sie, wenn die Dilek Güroluk-, Mittel- und Hoch-Coruh-, Cine und Yortanli-, Zap und Munzur- Projekte trotz Gerichtsbeschlüssen und Warnungen aus Wissenschaftskreisen umgesetzt werden, die antiken Stätten Allianoi und Marsias sowie die Gebiete Firtina, Coruh, Zap und Munzur verlieren. Diese Praxis ruiniert nicht nur die Natur und begräbt das Erbe unter Wasser. Andere tragische Resultate bestehen darin, dass sie zehntausenden Menschen ihr Siedlungsgebiet raubt und sie somit in die Vertreibung und Leid stürzt.

Die Türkei muss das Modell „Fortschritt durch Schutz“ entwickeln. Andernfalls werden unsere Menschen keine Möglichkeit mehr für ein Land besitzen, in dem sie in Zukunft leben können.
Da wir uns heute hier befinden, um im Rahmen des zweiten Munzur Kultur- und Natur- Festivals unsere Gedanken zu äußern, muss noch konkreter auf die Auswirkungen des Munzur Projektes auf die Natur- und Lebenskultur eingegangen werden:
Dass sich das Klima im Falle der Umsetzung des Munzur-Projektes ändern wird, wurde mit Prüfung der Projektdaten von Doz. Dr. Mikdat Kadioglu, Mitglied des Lehrkörpers für Atmosphäre- und Weltraumwissenschaften der Technischen Universität Istanbul und Vertreter für das Marmara - Gebiet der Meteorologie – Ingenieurkammer, per Bericht festgehalten.

Nach diesem Bericht „verursachen die unterschiedlichen Thermaleigenschaften der Was-sermassen in den Stauseen und der Erde im Vergleich zu der Situation bevor die Stau-dämme das Wasser zurückhielten, kühlere Sommer und mildere Winter… Sie rufen ebenfalls Veränderungen in der Richtung des Windes im betroffenen Gebiet und eine deutliche Zunahme der Intensität hervor. Aufgrund des unterschiedlichen Wasserdampfdrucks in der Luft und im Wasser, werden von der Seeoberfläche große Mengen Feuchtigkeit auf das Festland freigegeben. Mit der Zunahme der Luftfeuchtigkeit ist auch eine Zunahme von Nebel und Frost sowie Schneefall und Schneelawinen wegen der Einflüsse durch die Seen festzustellen.“

„Die Oasenwirkung, die in Gebieten wie das des Munzur Projektes, in denen kontinentales Klima herrscht, durch große Wasserbauten hervorgerufen wird, kann das Wassergleichge-wicht und das Klima im betroffenen Gebiet verändern.“

„So wurde der Einfluss der Keban- und Seyhan- Stauseen auf das Klima untersucht und es wurde auf wissenschaftlicher Basis festgestellt, dass eine Veränderung des Klimas nach der Inbetriebnahme im Jahre 1975 stattgefunden hat.“ „…es wurden in den chemischen Komponenten der Weltatmosphäre bedeutende Verän-derungen aufgrund von fossilen Brennstoffen, die in den letzen 150 Jahren auf der ganzen Welt immer mehr verbraucht werden sowie Gasen und Teilchen, die aus anderen Quellen in die Luft freigesetzt werden, festgestellt. Der hieraus entstehende Treibhauseffekt hat das Problem der Erderwärmung hervorgerufen. In ähnlicher Weise kann die Vernichtung von Wäldern und Grünflächen unwiderrufliche Veränderungen der Umwelt verursachen.“

„Gemäß dem Klimaveränderungsbericht des Internationalen Projektes zur Klimaverände-rung aus dem Jahre 1990, können kleine Klimaveränderungen in trockenen und halbtro-ckenen Gebieten wie dem Munzur Projekt wichtige Probleme durch Veränderung des Nie-derschlagsverhaltens verursachen.“
„Im Munzur Projekt wird auch ins Auge gefasst, in welcher Weise die Erderwärmung die Landwirtschaft beeinflussen wird.“

„Laut den Klimaszenarien, die mit allgemeinen Zirkulationsmodellen entwickelt werden, wird für Südeuropa, das Mittelmeergebiet und das Gebiet des Munzur Projektes zu Beginn des 21. Jahrhunderts die subtropische Hochdruckzone erweitert und sich auch nördlich ausweiten, so dass sie auch die Projektgebiete mit warmer und trockener Luft beeinflussen wird. Es ist vorauszusehen, dass im Projektgebiet Munzur und den Ländern des nördlichen Mittelmeers bis zum Jahre 2030 eine Erwärmung um 2 Grad, eine leichte Zunahme des Niederschlags in den Wintermonaten sowie eine bedeutende Abnahme in den Sommermonaten stattfinden wird. Es wird kalkuliert, dass als Folge dessen große Verluste in der landwirtschaftlichen Produktion in diesen Breitengraden verursacht werden.“

„Die Entdeckungen bezüglich der Veränderungen des lokalen Klimas und Niederschlags warnen uns. Auf der anderen Seite kann nicht von der Veränderung des Erdklimas in der Welt auf die Türkei und das Gebiet des Munzur Projektes abstrahiert werden.“

Es existiert kein vom Staat angefertigter Klimabericht bezüglich des Munzur Projektes.

– Im Falle, dass das Projekt umgesetzt wird, wird die reiche Flora Munzurs ver-schwinden. Wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge werden die für dieses Gebiet charakteristischen endemischen Arten (Erysimum, Graellsia, Hymenophysa, Didy-mophysa, Delphinium, Astargalus, Pistacia, Heliotropium, Verbascum und Echinops), und reichhaltigen Familien (Fabaceae, Asteraceae, Brassicaceae, Lamiaceae, Cary-ophyllaceae und Poaceae) sowie Gattungen (Astargalus, Trifolium, Alyssum, Silene und Vicia) aussterben.

– „Obwohl die Eichenwälder des Euphrat-Tales aufgrund der seit Jahren andau-ernden Verwüstung zur bedeutenden Teilen vernichtet sind,“ behält Munzur die Reich-haltigkeit und Intensität ihrer Natur bei. Wie bekannt ist, „sind Wälder, die an erster Stelle der Naturreichtümer eines Landes stehen, nicht nur ökonomisch, sondern auch für das Gleichgewicht der Natur überaus wichtig.“ „Die Eichenarten haben trotz der Kontinentalisierung des Klimas große Flächen decken können, die sich diesen Umstän-den anpassen. Bei dem Verschwinden der Wälder Zentral- und Ostanatoliens hat die Klimaveränderung eine Rolle gespielt. Die Geographie Munzurs hat fünf verschiedene Eichenarten und Waldgruppen entwickelt. Die Eiche trägt sowohl als Produktionsmate-rial als auch als Quelle für Industrierohstoffe große Bedeutung. Die Eiche ist ein Baum, der über großes Sprosspotential verfügt. Wenn der Eiche die erforderliche Bedeutung beigemessen wird, wird dies das Aussterben der Wälder im Euphrat-Tal wie an vielen Orten Anatoliens zu großen Teilen verhindern. Nach einem in den siebziger Jahren aufgeworfenen und von verschiedenen Forschern befürworteten Gedanken weisen die Pflanzenarten, die auf der so genannten ‚anatolischen Diagonale’ wachsen, dem Gebiet, das sich zwischen den Bergen von Gümüshane

– Tunceli – Maras – Amanos er-streckt, Unterschiede auf. Die anatolische Diagonale liegt gleich im Osten des oberen Euphrat-Tales. Die floristischen Unterschiede der beiden Seiten der Diagonale sind e-her klimatisch und topografisch begründet.“

– Die unebene Geographie Ostanatoliens und der im Vergleich zum Westen stär-kere Niederschlag sowie das kühlere Klima ermöglicht Hochgebirgspflanzen und in den Talgebieten ‚Mittelmeer’-pflanzen das Wachstum. „Diese Besonderheit unterscheidet die Pflanzenwelt von anderen und bereichert sie gleichzeitig. Neben den früh blühenden endemischen Pflanzenarten des Euphrat-Tales und der Natur Munzurs (Aracea, Liliaceae, Bellevalia, Fritillaria, Hyacinthus, Hyacinthella, Muscari, Scila, Tulipa, Crocus, Orcgidaceae, Dactylorhiza) sind Kräuter (Melissa officinalis, Melilotus officinalis, Mentha, Thymus, Verbascum, Glycirrhiza glabra, Berberis), Duftpflanzen (Thymus, Cyclortichum, Calamintha, Salvia u.ä.) und Farbpflanzen (Isatis, Alkanna, Rubia u.ä. ) in reichhaltiger Vielfalt zu finden. Außerdem blühen hier auch Wiesen, Weiden und Futterpflanzen (Leguminoseae und Giramineae).

– Die 17 Pflanzenarten im oberen Euphrat-Tal und der Natur Munzurs sind: Pistacia terebinthus subsp. Palaestina, Rhus coriaria, Aristolochia bottae, Gundelia tournefortil, Alkanna megacarpa, Anchusa azurea, Azurea, Onusma serceum, Viburnum opulus, Quereus spp., Ajuga chamaepitis subps. Laevigata, alcea calvertii, Rheum ribes, Armeniaca vulgaris, Rosa canina, Rubus sanctus, Alnus glutnosa subsp glutinosa.

“Den bis dato durchgeführten floristischen Untersuchungen zufolge sind 80% der Flora der Provinz Elazig, 60% der Provinz Tunceli, 40% der Provinz Mus und 20 % der Provinz Bingöl bekannt. Dies bedeutet einen großen Verlust für die Nutzung der floristischen Quel-len.“ Damit in Tunceli „alle niedrigen und hohen Pflanzen entdeckt werden können, müs-sen häufiger Floristik-, Vegetations- und pflanzengeographische Arbeiten durchgeführt werden.“ Ebenso „müssen Nutzungsflächen bestimmt werden, damit die Gebietsbevölkerung Nutzen aus den entdeckten Arten ziehen kann.“

„Für die Zukunft unserer Flora sollte in kürzester Zeit ein botanischer Garten, ein Herbari-um gegründet werden und der Nationalpark von Munzur sollte erweitert und geschützt werden.“

– „Außerdem sollten bessere Möglichkeiten für das Volk geschaffen werden, die ca. 60 verschiedenen Pilzarten, die neben den angegebenen Pflanzenarten in der Natur Munzurs vorhanden sind, mehr zu nutzen (Arten der Gattungen Amanita, Boletus, Russula, Lycoperdon, Calvatia, Polyporus, Fomes, Morchella und Pleurotus). Außerdem stoßen diese Pilze auf großes Interesse bei der „Aufnahme in die Weltkultur“ und es könnte mit den angegebenen Methoden ein intensiveres Wachstum ermöglicht werden.

Leider konnte bisher auf keine Untersuchung bezüglich der Pflanzenwelt, der Flüsse und Seen unserer Geographie gestoßen werden. „Die vorgefundenen Untersuchungen zielten nicht auf alle Mikrophyten, sondern lediglich auf bestimmte Klassen.“

– „Im Euphrat-Tal und den Binnengewässern Munzurs leben zahlreiche Fischar-ten, wie (Mastacembulus simaek, Salmo trutta, Salmo trutta macrostigma, Cypripus carpio, Acanthobrama mirabilis, acanathobrama marmid, alburnoides bipunctatus, leiciseus cephalus, leiciseus lepidus, cyprinion macrostomum, garra rufa, garra veriabilis, chondrostome regium, aspius vorax, tor grypus, carossobarbus luteus, B. Plebejus lacerte, barbus rajanorum, barbus capito, B. Capito pectoralis, B. Xanthopterus, B. Subquincuncinatus, Chalcalburnus mossulensis, capoeta capoeta, capoeta trutta, copitis elongata bilseli, nemacheilus tigris, nemacheilus panthera, nemacheilus insignis, nemacheilus malaptererus, nemacheimus argyrogramma, turcinemacheilus kosswigi, mystus halepensis, glyptothorax armeniacus, glyptothorax kurdistanicus, aphanius cypris, parasilurus triostegus, mugil (liza) abu). Leider sind manche dieser Arten nach dem Bau der Keban- Karakaya- und Atatürk Staudämme ausgestorben. Beispielsweise sind die Arten Glyptathorax kurdistanicus, Glyptathorax armeniacus, Barbus xanthopterus, Barbus esocinus, B. subguincinsunatus, B. Plebejus lacerta und B. Capito pectoralis, die im Fluss Euphrat gelebt haben, bevor das Wasser im Atatürk-Stausee zurückgehalten wurde. Denn die Staudämme, die auf den Flüssen errichtet werden, verändern das ökologische Umfeld der dort lebenden Fische. Diejenigen Fische, die sich den neuen ö-kologischen Gegebenheiten nicht anpassen können, verlassen diese Orte oder sterben aus.“

– Gemäß dem „Langfristigen Entwicklungsplan für den Nationalpark des Mun-zurtales“, der in Zusammenarbeit von 22 staatlichen Institutionen der Republik Türkei entstanden ist, „tragen die Nationalparks nicht nur aufgrund der Tatsache, dass sie die Möglichkeit bieten, jegliche klimatischen Untersuchungen durchzuführen, sondern auch der sozialen, kulturellen und touristischen Möglichkeiten große Bedeutung. Diese Gründe bilden die Grundlage für die Errichtung des Parkes.“ So wird im selben Plan angegeben, dass im Munzurtal und seiner Umgebung folgende Wildtierarten leben: Bär, Wolf, Luchs, Krokodil, Marder (Baum- und Steinmarder), Wasserzobel, Dachs, Eichhörnchen (gefleckt, rot, schwarz und weiß), Hase, Wildschwein, Wildziege, Berg-ziege mit Hakengeweih, ‚Besoir’-Bergziege, Adler, Geier, Falke, Bussard, Sperber, Turmfalke, Baumfalke, Gabelweihe, Uhu, Eule, Rauhfußhuhn, Rebhuhn, Haselhuhn, O-tis, Zwergtrappe, Kranich, Gans, Wachtel, Waldschnepfe, Ringeltaube, Felsentaube, Fischreiher (weiß, grau und gefleckt), Storch (selten auch schwarzer Storch). Es wird in diesem Zusammenhang gesagt, dass „dieses Gebiet, das im Hinblick auf Säugetiere und Vögel eine große Bandbreite aufweist und somit eine Region ist, die aus jagdwirt-schaftlichen Gründen hervorgehoben werden sollte.“ An dieser Stelle muss ich anmer-ken, dass die Ziegen mit Hakengeweih und die ‚Besoir’-Bergziege seltene Arten sind, die in Europa unter Schutz stehen und das Rauhfußhuhn so gut wie in keiner anderen Geographie der Welt vorkommt.

– Im selben Plan wird die Feststellung gemacht, dass „wenn berücksichtigt wird, dass die Errichtung des Nationalparks dem Munzurtal sozialen und ökonomischen Nut-zen bringen wird, der Schutz und die Nutzung der Natur zweifellos viele Möglichkeiten für die Zukunft bringen werden“. Nachdem die Bedeutung der Hakengeweih-Ziege, der ‚Besoir’-Ziege, des Rauhfußhuhns und der rot gefleckten Forelle, die im Ta, den Bergen und im Munzur-Fluß leben, hervorgehoben wird und interessante Seen und Canons in Betracht gezogen werden, die dem Nationalpark an Wert gewinnen lassen, ergibt sich die Notwendigkeit, den Nationalpark großflächig zu halten, ganz von alleine. Unter diesem Gesichtspunkt ist das Munzur-Gebirge - mit dem Ziel, den Besuchern interessante Naturereignisse darzubieten - zum Thema geworden. Die Grenzen der als Nationalpark unter Schutz stehenden Wälder sind zum Thema geworden und, unter Berücksichtigung des Munzur-Gebirges sowie des Mercantals, nördlich ausgeweitet und somit die Ganzheit der Fläche gewährleistet worden… Die Besonderheit dieses Gebietes liegt gänzlich darin, dass der Niederschlagsumfang in den Wintermonaten der höchste im Gebiet ist. Die Region trägt aufgrund der schönen Naturkomponenten und der Jagdtiere in den Bergen sowie der wertvollen Forellenarten große Bedeutung. Es ist möglich, große Canons im Tal zu sehen. Gebirgsflächen in über 2000 m Höhe, Bergseen, Plateaus und kalten Gewässer stellen eine zusätzliche Besonderheit dar. Das Munzurtal, das sich vom Kreisstadtzentrum Ovacik im Westen der Provinz Tunceli bis zum Provinzzentrum erstreckt, bildet die Grundlage für den Munzurtal-Nationalpark. 23.364 Hektar dieses Gebietes wurden im Jahre 1968 als Naturschutzwald und Jagdreservoirgebiet abgetrennt. Die Grenzen der als Nationalpark unter Schutz stehenden Wälder sind zum Thema geworden und unter Berücksichtigung des Munzur-Gebirges sowie des Mercantals nördlich ausgeweitet und somit die Ganzheit der Fläche gewährleistet worden. (Anm. d. Ü.: Satz doppelt aufgeführt.; S.o.) Somit beginnt die Fläche des Nationalparks 6,5 km westlich des Zentrums der Provinz Tunceli und verläuft über das 47 km lange Munzurtal. Von hier aus umfasst er nördlich das Munzur-Gebirge und ist somit auf natürliche Weise begrenzt. Bei dieser Abgrenzung wurden die im Munzurtal innerhalb des Nationalparks lebende Tierwelt und insbesondere die Forellenpopulation, die Bergseen im Munzur-Gebirge, die wilde Natur des Gebietes als Quelle angenommen.“

– Obwohl in der Region Tuncelis keine archäologische Flächenuntersuchung durchgeführt worden ist, ist uns bekannt, dass Herr Kilic KÖKTEN, der im Zusammen-hang mit den Untersuchungen im Gebiet des Keban-Stausees die Ausgrabung des Pu-lursak-Weges durchgeführt hat, auf zahlreiche Felsunterschlüpfe, Arbeitsstätten und einfache Siedlungen aus der Altsteinzeit gestoßen ist und die Region im Hinblick auf das Paläolithikum (Altsteinzeit) für sehr bedeutend hält.

Wie aus den Daten und wissenschaftlichen Berichten deutlich wird, wurden bei diesem Staudammprojekt namens Munzur-Projekt zu keinem Zeitpunkt Untersuchungen oder Be-wertungen hinsichtlich der Wälder, der Flora und Fauna, dem Wildleben, der Binnengewässerfische oder dem historischem Aspekt der Region aus archäologischer Sicht durchgeführt.
Gibt es denn kein nationales Gesetz oder internationales Abkommen, das für die Türkei bindend ist , wenn sie – ohne die natürlichen und kulturellen Werte zu berücksichtigen – zu Taten schreitet, ja sogar eine „Staudamm-Legende“ schafft und einen „Staudamm-König“ ernennt?

Doch, gibt es. Die Geographie Anatoliens ist eines der ersten Siedlungsgebiete der Menschheit, in dieser Geographie haben 54 Zivilisationen gelebt. Die verschiedenen Informationen, die allmählich bei Ausgrabungen gewonnen werden, stellen die bekannte Zivilisationsgeschichte in Frage.

Archäologische Daten werden in der Literatur allgemein als kulturelles Erbe bezeichnet. „Kulturelles Erbe“ sind gemäß der Verträge, die unter Führung der UNESCO und des Europarates unterschrieben wurden, architektonische Werke, Meisterwerke der Bildhauerei oder Malerei, die für Kunst, Geschichte oder Wissenschaft von außergewöhnlichem universalem Wert. Hinzu kommen Elemente, Bauten, Grabschriften, Höhlen, Grundstoffverbindungen, Bauansammlungen und Städte mit archäologischen Besonderheiten“.
Laut diesen Dokumenten ist kulturelles Erbe, einerseits die „gemeinsame Quelle der Menschheit“, andererseits „für geschichtliche und wissenschaftliche Forschungen notwen-diges Material“.

Wie aus den Bestandteilen der Definition hervorgeht, stellen nicht nur „Werke“ archäologi-sches Erbe dar, sondern auch „Daten“. Dann sind all die Dinge, die aufgrund von Bebau-ungsunternehmungen in verschiedenen Bereichen vernichtet werden oder mit der Gefahr dessen konfrontiert werden oder für die eine latente Gefahr dieser Art besteht, Werte, die „eine gemeinsame Andenkensquelle bilden“ und Informationen, anhand derer wir etwas ü-ber das „Gestern“ erfahren können. Aus dieser Sicht wird also mit der Vernichtung jeden archäologischen Wertes auch die Möglichkeit des Menschen vernichtet, wissenschaftliche und geschichtliche Informationen über die Vergangenheit zu erhalten.

Das Recht des Menschen, Informationen zu bekommen, und seine Pflicht, diese Informationen für die Zukunft weiterzuleiten, sind ebenso „menschlich“ wie die ganze Welt betreffend Recht und Pflicht. Ein Mensch, der daran gehindert wird, Informationen zu beschaf-fen, wird gleichzeitig daran gehindert, sich zu entwickeln und im Weltmaßstab historisches Bewusstsein zu erlangen und auf diesem Wege sich als „Weltmensch“ zu fühlen und mit den „Anderen“ gemeinsam und friedlich zusammenzuleben. Denn, wenn das Geschöpf na-mens Mensch das Gestern und das Heute in Abhängigkeit von sich selbst und nur in eige-nem Maße wahrnimmt, hat der „Andere“ gar keine Bedeutung. Dann wird er weder das Bedürfnis haben, die Werte und Informationen des Anderen über das Gestern zu erhalten, noch wird er ihm das Recht anerkennen, in der Zukunft zu existieren. Somit wird die Menschheit weder eine gemeinsame Vergangenheit noch Zukunft besitzen. Der Mensch wird den „Vorgänger“ und den „Anderen“ nicht erkennen können. Jeder wird auf sich selbst gestellt sein und so arm bleiben wie er selbst. Dieser Umstand erschwert die Entwicklung der soziologischen menschlichen Werte sowie den Erhalt des Friedens.
Wir leben im „Zeitalter des Wissens“. Nach der „Wissenstheorie“ kann man zu neuem Wis-sen gelangen, indem man Daten erlangt. Wenn Daten vernichtet werden, wird auch die Möglichkeit vernichtet, Wissen zu erlangen.
So ist also jede Handlung, die kulturelles Erbe vernichtet oder es in Gefahr bringt, „unzeitgemäß“, ja sogar „primitiv“.

Auf der anderen Seite ist jede Bauunternehmung, die das Gleichgewicht der Natur stört und ökologische Probleme hervorruft, ein schwerer Angriff auf Leben in gesundem Umfeld.

Die Rechte, die von diesen Unternehmungen bedroht werden, sind Grundrechte des Menschen und stehen unter dem Schutz sowohl der nationalen Gesellschaften mit demokrati-scher Regierung als auch der internationalen Gesellschaft. Der Umstand, dass ein beliebi-ger Staat diese Rechte nicht mit seiner Gesetzgebung schützt oder Verordnungen heraus-gibt, die das Wesen dieser Rechte verletzen, bedeutet nicht ihre Aufhebung. Der Mensch kann jederzeit von dem Staat, dessen Staatsbürger er ist, sowie von der internationalen Gesellschaft den Schutz dieser Rechte fordern. Diese Forderung ist unter jedem Umstand rechtmäßig.

Die Gesetzgebung der Türkei bezüglich kultureller Besitztümer wurde leider erst 60 Jahre nach Gründung der Republik mit der Verabschiedung des Gesetzes zum Schutze der kul-turellen und natürlichen Besitztümer im Jahre 1983 eingeleitet. Später traten auch die Staatliche Planungsorganisation und das Gesetz bezüglich Bebauung und Nationalparks in Kraft.
Mit Ausnahme der Bestimmungen des Zivilgesetzbuches von 1926, des Gesundheitsschutz-gesetzes von 1930, des Gesetzes bezüglich Grundwasser von 1960 und dem Gesetz von 1971 bezüglich Wasserprodukten, begann die Gesetzgebung der Türkei bezüglich der Na-tur erst richtig mit dem Umweltgesetz von 1983. Später traten dann Gesetze zum Schutz der Luftqualität, zur Vermeidung von Luftverschmutzung durch Verkehrsmittel und bezüg-lich der Bildung und Funktion von Umwelt- und Waldministerien in Kraft.

Die Türkei ist im Jahre

– 1957 dem Europäischen Kulturabkommen (Pariser Abkommen),
– 1981 dem Abkommen zum Schutz des Mittelmeers vor Verschmutzung (Ab-kommen von Barcelona),
– 1983 dem Abkommen zum Schutze des Weltkultur- und Naturerbes (Abkom-men von Granada),
– 1984 dem Abkommen zum Schutze des Lebens des Wildes, und dessen Le-bensumfeld (Berner Abkommen),
– 1990 dem Wiener Abkommen, und in Verbindung damit den Protokollen von Montreal und London,
– 1994 dem Abkommen von Ramsar,
– 1994 dem Baseler Abkommen,
– 1999 dem Europäischen Abkommen zum Schutze des Archäologischen Erbes (Abkommen von Malta / Valetta) und im Jahre 2000 dem Abkommen der Umweltagentur der Europäischen Union beigetreten.

Die übernationale Gesetzgebung der Türkei bezüglich kultureller und natürlicher Besitztümer ist entwickelter als die nationale Gesetzgebung zum selben Thema. Um jedoch den Bestimmungen der nationalen oder übernationalen Justiz gerecht zu werden, bedarf es einer gewissen Zeit, um die Gewohnheiten in der Praxis zu ändern und ein neues Bewusstsein zu schaffen.

An dieser Stelle muss ich anmerken, dass die Europäische Union, die behauptet, die „idealen Werte“ der internationalen Gesellschaft in juristischem, philosophischem und humanis-tischem Hinblick zu vertreten, den Schutz der kulturellen und natürlichen Besitztümer der Türkei nicht beaufsichtigt und nicht verhindert, dass in einigen Mitgliedsstaaten verschie-den Kredit- und Baukonsortien diese Werte ruinieren, vernichten. Dabei ist die Geographie der Türkei ein natürlicher physischer Bestandteil des europäischen Kontinentes. Die kulturellen Werte der Zivilisationen, die in der Geographie der Türkei gelebt haben, bilden die Grundlage für die Kultur des Mittelmeergebietes. Auf der anderen Seite ist die Türkei Mitgliedschaftsanwärter für die Europäische Union. Die Verpflichtung der EU, diese Werte zu schützen, ergibt sich aus folgenden Sachverhalten: das Inkrafttreten der Europa-Einheitsurkunde, die in Paris getroffenen Beschlüsse der Gesamtheit, der Gedanke der Union, dass „dem Schutz immaterieller Werte und insbesondere der Umwelt Bedeutung beigemessen werden muss, damit der Fortschritt wirklich im Dienste der Menschheit und nach europäischem Sinn sein kann, den Unternehmungsprogrammen des Rates, die 1973 angenommen wurden und heute noch weitergeführt werden, die mehr als 200 Verfügungen, die der Rat in Anlehnung an die Artikel 100 und 235 des AET-Abkommens erlassen hat, die Artikel 130/(r-t), die dem AET-Abkommen hinzugefügt wurden, das Maastrichter Abkommen und letztendlich den diesbezüglichen Beschlüssen des Europäischen Gerichtshofes aus den Jahren 1985 und 1988.

– Ich muss bemerken, dass der Bau des Munzur-Projektes keinerlei Nutzen für die Öffentlichkeit bringt.

Denn die Strommenge, deren Erzeugung mit diesem Projekt geplant wird, stellt nur ei-nen sehr kleinen Anteil der Strommenge dar, die in der Türkei mit Wasserkraft erzeugt wird.

Außerdem:
a) wird die ökonomische Basis für das Leben in Tunceli vom „Wasser“ und von den „Bergen“ dargestellt. Die Stauung des Wassers vernichtet die Lebewesen, denen das Wasser das Leben schenkt, gleichzeitig vernichtet dies Berge, Wälder und Flora.

b) die wirtschaftlichen Hauptaktivitäten der Bewohner Tuncelis bil-den die Imkerei und die Viehzucht. Es gibt keine Industrie in der Provinz, der Handels- und Dienstleistungssektor sind noch im Entwicklungsstadium. Aufgrund der geographischen Lage und topographischen Struktur der Provinz ist es so gut wie unmöglich, Produktions- oder Schwerindustrieanlagen zu bauen, und rentabel ist es auch nicht. Im Gegenzug verfügt die Region über außerordentliches Potential in der Viehzucht, der Imkerei und dem Berg-, Wasser- und Waldtourismus. Aus diesem Grunde sollte Tunceli entwickelt werden, die Einkommensquellen und Lebensmöglichkeiten der Menschen, die dort leben und leben werden, erhöht werden und wenn man dabei Gewinn für die nationale Wirtschaft bringen will, die Natur Tuncelis unter Naturschutz nehmen und die Schönheiten, die sie bietet, d.h. ihre Berge, Höhlen, Seen, Thermalbäder, Heilquellen, Flüsse, Täler und Ausflugsorte für die Entwicklung des Tourismus, der Imkerei und der Viehzucht nutzen. Noch dazu wären die Kosten für die Förderung einer solchen Planung und ihre Umsetzung niedriger als die Kosten für den Bau und Betrieb des betreffenden Staudamms und der HES. Außerdem sind der Tourismus, die Viehzucht und die Imkerei dauerhafte Unternehmungen, während die Staudämme und die HES nur begrenzte Zeit bestehen.

c) Andererseits kann der „Rückkehr“– Prozess, der im Falle der Umsetzung des betreffenden Projektes gerade begonnen haben wird, angehalten werden, und es werden neue Umsiedlungen in großem Ausmaß verursacht werden. Denn die bestehende Lebensweise der Bewohner von Tunceli beruht auf den Möglichkeiten, die das Wasser und die Berge darbieten und kann ohne diese nicht weiter bestehen. So kann also gesagt werden: Ohne die „ Umwelt-Kultur“ in Tunceli kann die „Lebenskultur“ nicht bestehen.

Es ist nicht nur unumgänglich, dass die Staudämme und die HES die demographische Struktur der Provinz mit der Zeit negativ beeinflussen werden, es wird auch zwingend notwendig sein, dass – mit Ausnahme der Dörfer im Pülümürtal - wegen der zu erbauenden Staudämme und HES im Mercan- und Munzurtal, 84 Dörfer umsiedeln müssen.

– Die Regierung der Republik Türkei ist verpflichtet, die Mercan- und Munzurtä-ler, die sie im Jahre 1971 wegen ihres - aus ästhetischer sowie wissenschaftli-cher Sicht - außerordentlichen Werts zu Nationalparks ernannt hat, gemäß Artikel 63 unserer Verfassung, der Natur- und Umweltgesetze, dem mit den UN und der UNESCO unterschriebenen Abkommen zum Schutz des Weltkultur- und Naturerbes und gemäß dem Europäischen Abkommen zum Schutz des Archäo-logischen Erbes zu schützen.

– Der von den Vereinen Tuncelis gewählte Ausschuss zum Schutz des Munzurtales und seiner Umgebung hat sich zunächst an das Ministerpräsidium der Republik Türkei gewandt und gefordert, dass die Staudammprojekte – mit Ausnahme des Uzuncayir-Projektes - an-nulliert werden. Das Ministerpräsidium hat diesen Antrag vom Energieministerium beant-worten und - auf indirekte Weise - ablehnen lassen. Daraufhin haben die von diesem Aus-schuss ernannten Personen eine Klage eingereicht, um dem Vorgehen des Ministerpräsidi-ums und des Ministeriums für Energie und Naturressourcen Einhalt zu gebieten (wörtl. anzuhalten). Das Verfahren wird unter dem Aktenzeichen 2001/39436 E beim 10. Amtsbereich des Oberverwaltungsgerichtes geführt. Ich rufe alle Bewohner Tuncelis, der Türkei und der Welt dazu auf, an diesem Verfahren (als Kläger) teilzunehmen.
Liebes Volk von Tunceli,

– Wir sind patriotisch und humanistisch genug, um nicht gegen die Entwicklung unseres Landes und unserer Geographie anzutreten, gegen die Stromerzeugung, die einen der Hauptfaktoren darstellt. Aber ist es nicht auch patriotisch, ein Entwicklungsprogramm zu fordern, das den natürlichen und kulturellen Reichtum unseres Landes und unserer Region schützt. Ja - sogar ein Modell zu fordern, dessen Entwicklung durch den Schutz gewährleistet ist, will heißen, das „Gestrige“, das „Derzeitige“ und das „Morgen“ unseres Landes und unserer Menschen zu lieben. Uns muß bewußt sein, daß die vorübergehenden Arbeitsplätze, die der Bau der Staudämme evtl. schafft, und die Gelder, die als Entschädigung gezahlt werden, nur von vorübergehender Bedeutung sind. Es handelt sich hierbei um kurzfristige Hoffnungen, die künstlich gesetzt werden. Diese Möglichkeiten retten manche von Ihnen vielleicht für einige Tage, lassen einige von Ihnen vielleicht sogar materiell gesehen „reich“ werden. Es darf aber nicht vergessen werden, daß die Staudämme, die die Natur Tuncelis ruinieren werden, Ihr „Gestern“ aus der Geographie löschen. Sie vernichten die Möglichkeit für Sie, Ihre Kinder, Ihre Enkel, hier leben zu können. Die vielfältigen Reichtümer und Besitztümer, die Munzur bietet, mit anderen Worten: Ihre dauerhaften Lebenserhaltungsquellen, Ihr Leben, Ihre Vergangenheit und Ihre Zukunft zu verteidigen gegen die bestehende und naheliegende Staudammgefahr - für diese Werte anzutreten, ist ein rechtmäßiges und humanes Recht. Zu diesem Zweck sollte das Ziel, das Munzurtal und seine Umgebung zu schützen, Ihr höchstes Ideal sein.
Um dieses Ideal zu erreichen, ist es Ihr gesetzmäßiges Recht, die Lösung dieses Problems bei der Exekutive, der Judikative und den Verwaltungsbehörden der Republik Türkei zu ersuchen. Im Falle, daß diese aufgeführten Organe oder Verwaltungen keine Lösung erbringen, ist es Ihr natürliches und gesetzmäßiges Recht, die von der Türkei anerkannten übernationalen Institutionen und die ihre Gerichte zu ersuchen.

Was ich von Anfang an sagen will, ist, dass die einzige Möglichkeit, die große Gefahr, die das Staudammprojekt darstellt, aus der Welt zu schaffen, darin besteht, dass das Volk von Tunceli gemeinsam handelt und alle anderen Menschen und gesetzlichen Institutionen in der Türkei und auf der Welt, die sich für diese Angelegenheit einsetzen, in seinen Wider-stand integriert, und somit eine rechtmäßige große Gegenkraft schafft.

Ich bin überzeugt davon, dass das Volk von Tunceli, das Vertrauen in seine Erde setzt, weiß, sieht, versteht, denkt und aufgeklärt und stolz ist, sich zusammenschließen wird, um dieses Ziel zu erreichen, und dass die „Anderen“ diesem berechtigten und humanen Widerstand nicht nur zusehen werden.

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Ich umarme Sie alle - in endloser Freundschaft - 29.07.2001

Murat Cano · Jurist
Gründungsmitglied des Ausschusses für die Beaufsichtigung der Staudämme und des Kulturellen Erbes der Türkei

 

 

   
Dersim Kulturverein Mainz und Umgebung e. V.